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"Meister Adebar" ist zurück im Wiesental

Nach 60 Jahren haben Weißstörche dank einer Nisthilfe des Nabu wieder den Weg ins Elsenztal gefunden

von Christoph Moll (Rhein-Neckar-Zeitung)

 

Mauer. Sie sind wieder da. Nach sage und schreibe 60 Jahren halten sich wieder dauerhaft Weißstörche im Wiesental zwischen Mauer und Bammental auf. Im Jahr 1954 war der letzte Mauermer Storch an einem Stromschlag gestorben – jetzt ist der in Fabeln „Meister Adebar“ genannte Vogel zurück. Zu verdanken ist dies der Ortsgruppe des Naturschutzbundes (Nabu) in Mauer, die Ende 2012 eine Nisthilfe auf einem alten elf Meter hohen Strommast angebracht hatte. Und diese haben nun Störche entdeckt – und auch schon getestet.

 

Es war der erste Versuch seit 60 Jahren, wieder Weißstörche in der feuchten Elsenzaue anzusiedeln. Und er scheint geglückt. „Wir hätten nicht gedacht, dass es so schnell geht“, sagt Mauers Nabu-Vorsitzender Bernhard Budig. Man habe mit fünf und mehr Jahren rechnen müssen. Im letzten Jahr wurde zwar ein Storch gesichtet – der war aber wohl nur auf der „Durchreise“.

 

Am Neujahrstag 2014 entdeckte Budig dann ein Paar Nilgänse auf der Nisthilfe. „Das war auch ganz nett, aber Störche sind uns lieber“, sagt der 47-Jährige augenzwinkernd. Und diese kamen auch: Am 31. März wurden vier Störche im Wiesental gesichtet, die Nahrung suchten. Nur eine Woche zuvor hatte eine Storchenexpertin bei der Jahreshauptversammlung des Nabu einen Vortrag gehalten und es gab eine Begehung des Wiesentals. „Wir hatten uns überlegt, was wir tun können, um das Wiesental für Störche noch attraktiver zu machen“, erinnert sich Budig. „Und ein paar Tage später waren sie dann da.“

 

Meistens waren es zwei, manchmal drei, selten vier Störche, an manchen Tagen war aber auch gar keiner da, erzählt der Nabu-Vorsitzende. Ob es immer dieselben waren? „Schwierig zu sagen, die sehen sich ja ziemlich ähnlich“, schmunzelt Budig. Aber woher ein Storch kommt, das ist inzwischen bekannt: Mit einem Fernrohr konnte Bernhard Budig nämlich die Kennung „AK.172“ auf dem Ring am Fuß eines Storches ablesen: Diesen hatte der Jungstorch im Jahr 2012 im Erlebnispark „Tripsdrill“ bei Heilbronn erhalten, wo mehrere Storchenpaare nisten. Jetzt hat der Jungstorch wohl sein eigenes Revier gefunden.

 

Zunächst hielten sich die Störche in Mauer nur am Boden auf, dann entdeckten sie aber auch die Nisthilfe, was die Naturschützer natürlich besonders freute. Abends seien die Schreitvögel zum Übernachten meist auf die Bäume entlang der Elsenz geflogen. In den letzten Wochen, so Bernhard Budig, habe man bei zwei Störchen schon Anzeichen einer Paarbildung beobachten können. Sie fliegen zum Beispiel zusammen auf den Horst und putzen sich entspannt das Gefieder. Das nährt bei den Naturschützern die Hoffnung, dass diese nächstes Jahr wiederkommen und Junge bekommen. „Vielleicht haben sie sich dieses Jahr erst einmal das Nest ausgesucht, um sich nächstes Jahr zu paaren“, vermutet Budig.„Ende März wird es spannend.“

 

Wenn die Störche wiederkommen, will der Nabu eventuell zur Brutzeit die Wassergräben freimähen, um den Zugang zum Futter zu erleichtern. Außerdem könnte man Reisig bereitlegen, mit dem die Störche ihren Horst erweitern können. „Meister Adebar“ wird von den Spaziergängern und Fahrradfahrern aufmerksam beobachtet. „Manche wählen sogar eine andere Strecke, um nach den Störchen zu schauen“, erzählt Budig. Einer dieser Beobachter ist Bürgermeister John Ehret, der regelmäßig mit seinem Hund im Wiesental unterwegs ist. Bei ihm rannte der Nabu mit seiner Idee vor zwei Jahren offene Türen ein. „Die Störche scheinen sich wohlzufühlen“, meint der Rathauschef. Besonders bemerkenswert findet Ehret, dass sich die Vögel nicht von der nahen Bahnlinie und der B 45-Umgehung gestört fühlen.

 

Bernhard Budig appelliert an Spaziergänger, auf den Wegen zu bleiben, und an die Hundehalter, ihre Vierbeiner im Wiesental nur an der Leine laufen zu lassen – so, wie es im Naturschutzgebiet vorgeschrieben ist. Nun geht’s für die Zugvögel aber wohl erst einmal Richtung Spanien und Afrika. Sicher ist dies aber nicht ganz. Denn bei einem ausreichenden Nahrungsangebot bleiben sie auch hier, so Budig. Das Schicksal des letzten Mauermer Storchs kann sich übrigens zumindest im Wiesental nicht wiederholen: Denn die 20-Kilovolt-Freileitungen wurden vor zwei Jahren unter die Erde verlegt. Der damals gestorbene Storch wurde präpariert und dient im Bammentaler Gymnasium als Anschauungsobjekt.

 

 

Dieser Artikel erschien am 24.08.2014 in der Rhein-Neckar-Zeitung.

 

Storchennest, Nisthilfe
Original RNZ Artikel ""Meister Adebar" ist zurück im Wiesental" von Cristoph Moll